
Nachruf
zu Johanna
Gebauers Bestattung
(c)
von Karin
Gebauer-Dollendorf
Meine Tante lebte ihr Leben ganz im Sinne des Zeitgeistes in dem sie erzogen
wurde.
Sie war sehr fromm, glaeubig und demuetigt.
Bedingt durch den Zeitgeist den sie lebte, verfuhr sie nach dem Motto:
Fuege dich in dein Sicksal.
In manchen Situationen ueberlies sie lieber anderen die Entscheidung, in der
Hoffnung, "es wird schon gut fuer mich sein".
Nach den Tod ihres Sohnes im Jahre 2000 wurde mein Kontakt enger zu meiner
Tante.
Trotzdem wollte ich sie so leben lassen, wie sie es gewohnt war und gewollt hatte.
Das hiess auch: Zuzusehen wie manche Entscheidungen gegeben wurden, die nach
kritischer Ueberpruefung auch noch anders geregelt werden konnten.
Einen ganz besonderen Glauben hegte sie an die Kunst und das Koennen ihres
Arztes.
Monate lang fuhr sie jeden Tag mit dem Taxi in die Stadt zur Behandlung, ohne
das sich ihr gesundheitlicher Zustand merklich besserte.
Immer wenn ich sie sah, sagte sie mir auf Nachfragen, das es ihr gut gehe,
obwohl ich sehen konnte, das es nicht so war. - Aber es war ihre Entscheidung
ueber ihr Leben - was ich zu akzeptieren hatte.
Durch Zufall erfuhren meine Mutter und ich von einem ambulanten Eingriff, der
an meiner Tante durchgefuehrt werden sollte.
Auf Nachfragen kam heraus, dass sie grosse Angst davor hatte, aber nicht den
Mut, dem Arzt zu sagen, dass diese Behandlung von ihr nicht gewollt ist.
Ein Schreiben von mir an den Arzt, hatte zur Folge, dass sie nun noch mehr
Angst hatte.
Sie wollte nie Ärger und wollte es allen recht machen.
Im Februar brachte ich meine Tante dann zwei Mal ins Krankenhaus.
Das erste Mal wurde sie zurueckgeschickt, mit der fuer mich unmenschlichen
Begrueuendung: „Wir sind kein Altenheim, dann koennten wir halb Neuss aufnehmen“.
Beim zweiten Mal, zwei Wochen spaeter war sie ein Notfall.
Seit dem 27.Februar wurde meine Tante von mir und meiner Mutter taeglich im Krankenhaus
besucht.
Ich musste sie darauf vorbereiten, dass sie in ein Altenpflegeheim kommt, ihre
Wohnung aufgeloest wird.
Auch hier war sie froh, dass einer eine Entscheidung füer sie getroffen hatte.
Was sie wirklich dachte, wer weis das.
Ich glaube, diese neue Lebenssituation hat sie ganz schoen Ueberfordert.
Ihre ganze Hoffnung lag nun bei den Aerzten, die wie sie meinte schon das
Richtige machen wuerden.
Nach etlichen Hautverpflanzungen, stand die Amputation ihres Unterschenkels an.
Ihr fehlte, bedingt durch den anerzogenen Zeitgeist, der Mut " Nein, jetzt ist
genug " zu sagen.
In ihren letzten Stunden wurde sie von mir und meiner Mutter begleitet.
Meine Tante hing sehr an ihrem leben.
Ihre letzten Worte waren: Ich kann nicht mehr. Ich weis gar nicht was mit mir
los ist.
Wir verlieren den letzten Menschen einer grossartigen, liebevollen Familie von
Paul und Maria Gebauer .
Danke das es euch gegeben hat.
Einen besonderen Dank auch an all die Menschen, die meine Tante im Krankenhaus
besucht haben.
Da waeren:
Herr Grommisch, der die Rettung gerufen hat
Meiner Mutter, die die schmutzige, wirklich schmutzige Waesche gewaschen hat
Gottfried, der sie telefonisch zwei Mal am Tag angerufen hat und zum lachen brachte
Frau Kox, die ihr den leckeren Kuchen brachte
Frau Osterhalt, fuer den seelischen Beistand und den Ueberbringungen von Grüessen
und Geschenken
Frau Kobecke fuer ihre Hilfe in den vergangenen Jahren
Frau Rodrigo, ihre Freundin, die das gleiche Schicksal teilte
Carl und Charlotte, die ihre Hilfe angeboten haben und sie besuchten und anriefen
Traudel, ihre Cousine für die Besuche und Anrufe
Frau Bremer
und alle lieben Menschen die ich hier vergessen habe und die meine Tante
kannte und schaetzen gelernt hatte.
Lassen wir meine Tante ihre wohlverdiente Ruhe finden.
(c)
von Karin
Gebauer-Dollendorf
